|
|
|
|
| |
Thema |
An nebelig-trüben Wintertagen
schneit es in einem kleinen Bereich des Stadtgebietes (in Graz
bevorzugt in Bahnhofsnähe), am Morgen und/oder am Abend, während es
in umliegenden Bezirken niederschlagsfrei
bleibt. |
Phänomen
Industrieschnee
Stadtgebundene Schneefälle in Graz Einleitung
Das Phänomen lokal begrenzter Schneefälle im
Bereich städtischer Agglomerationen ist nicht zuletzt durch die
Berichterstattung in den Medien der Öffentlichkeit bekannt geworden. Mit
dem Begriff "Industrieschneefall" wurden zudem gewisse Ängste assoziiert,
handelt es sich doch um Schnee, der von Industrieemissionen herrührt.
Tatsächlich ensteht dieser Schneefall bei entsprechenden meteorologischen
Voraussetzungen (Temperaturinversionen, hohe Luftfeuchte) im Nahbereich
größerer Emittenten. Durch den verstärkten Ausstoß von Wasserdampf in
Verbindung mit einem erhöhten Aerosolgehalt kommt es zur Ausbildung von
Schneefall. Typischerweise ist die räumliche Ausdehnung dieses Phänomens
auf die westlichen Bezirke von Graz beschränkt.
In der
Literatur findet man zu diesem Thema vor allem Arbeiten, die sich mit den
chemischen Umwandlungsprozessen von Spurenstoffen während der Flüssig- und
Gasphase in Wolken und Nebel bzw. den Dissoziationsprodukten der feuchten
und nassen Deposition auseinandersetzen, Angaben bezüglich "künstlicher"
Schneefälle sind eher selten (z. B. Harlfinger, O. 1978, Scherhag, R.
1969, Mascher, F. et al. 1990 usw.). In Teilen von Graz treten diese
Niederschlagsereignisse durchschnittlich 4- bis 5- Mal pro Jahr auf. In
den vergangenen 5 Winterhalbjahren kam es jedoch zu teilweise ergiebigen
Schneefällen verbunden mit beachtlichen Schneehöhen. Neben der lokalen
Verbreitung über dem Stadtgebiet wurden vor allem die meteorologischen und
klimatologischen Voraussetzungen untersucht, die letztendlich die
Niederschlagsbildung begünstigen.
Klimatische und orographische Bedingungen von Graz
Mit etwa 250 000 Einwohnern ist Graz die zweitgrößte Stadt
Österreichs. Für das Klima spielen einerseits die Talausgangslage am
Randgebirgsfuß zum südöstlichen Alpenvorland, andererseits die im Norden
des Grazer Feldes asymmetrische Beckenlage mit dem höheren Plabutsch-
Buchkogel- Zug im Westen (Höhen um 550 bis 750 m) und den niedrigeren
Riedelrücken im Osten (400 bis 550 m) mit ihren Seitentälern eine große
Rolle. Aus lufthygienischer Sicht ergeben sich aus der abgeschirmten
Lage negative Aspekte auf Grund einer ausgesprochenen Windarmut und
hohen Inversionsgefährdung im Winterhalbjahr. Eine typische Erscheinung
ist außerdem die Bildung von Hochnebel bei zunehmender Alterung der
Luftmasse während antizyklonaler Hochdrucklagen (Hochdruckrandlage) bzw.
bei Warmluftadvektion aus dem Südwestsektor. Die Obergrenze dieser
Hochnebel liegt durchschnittlich bei 1000 m Sh, kann aber bei
anhaltender Zufuhr von bodennaher Kaltluft aus dem pannonischen Raum bis
auf 1700 m Sh und höher ansteigen. Bodennebel bzw. Hochnebel mit
niedriger Obergrenze bilden im Stadtgebiet eher die Ausnahme (siehe
"Nebelverteilung nach Monaten")
Datengrundlage
Für die Zeitbereiche mit Industrieschneefall wurden die
herrschenden Wind- und Temperaturverhältnisse untersucht. Als
Datengrundlage dienten meteorologische Messstationen im Stadtgebiet bzw.
höher gelegene Stationen in unmittelbarer Nähe zur Stadt. Außerdem
wurden die Daten der morgendlichen Radiosondenaufstiege am Flughafen
Graz ausgewertet. Im Zuge einer Messkampagne wurde die Entstehung eines
derartigen Ereignisses mit Hilfe von Fesselballonsondierungen und SODAR
zeitlich aufgelöst. Ergänzend wurden Messfahrten durchgeführt, um das
Verteilungsmuster der Niederschlagsereignisse und die dazugehörigen
Schneehöhen besser dokumentieren zu können. Von höheren Standpunkten aus
wurden die Nebelobergrenzen photographisch festgehalten. Aufgrund des
bisher ausgewerteten Datenmaterials können folgende Aussagen für die
Stadt Graz getroffen werden:
Räumliches und tageszeitliches Vorkommen
Industrieschneefälle bilden sich bevorzugt in der Nähe
punktueller Emittenten aus. Der Tagesgang weist eine Häufung in den
Morgen- und Abendstunden auf. Die in den letzten fünf Winterhalbjahren
beobachteten Ereignisse beschränkten sich auf die Monate November bis
Jänner.
Wetterlagen
Industrieschneefälle treten nur während Wetterlagen mit großen
Unterschieden in der Vertikalstruktur der Temperatur und des Windes auf
(Inversionen). Großräumig sind dies zentrale Hochdrucklagen mit
Absinkinversionen und antizyklonale Vorderseitenwetterlagen mit Zufuhr
warmer Luftmassen. Bei ausgedehnten Stratusdecken im pannonischen Raum
bewirken bereits kleinräumige Druckänderungen ein Vordringen des Nebels
bis in die Grazer Bucht.
Windsituation
Fast immer ist die Windsituation am Boden durch schwachen Wind aus
Ost bis Südost gekennzeichnet, während die Gradientströmung um etwa 45°
nach rechts verschoben ist. Im vertikalen Windprofil nimmt die
Geschwindigkeit oberhalb der Grundschicht rasch
zu. In einer Karte von Graz wurde die Verteilung der
Gesamtneuschneehöhe eines 5- tägigen Niederschlagsereignisses im Jänner
1999 dargestellt. Die lokale Verbreitung beschränkte sich dabei im
wesentlichen auf die westlichen Stadtbezirke. Die maximale
Gesamtschneehöhe für diesen Zeitraum betrug 11 cm im Bereich des
Steinfeldfriedhofes. Die tiefer gelegenen Windstationen zeigen eine
Anströmung aus süd- bis südöstlichen Richtungen,die mittleren
Geschwindigkeiten bleiben gering. Dies betrifft auch die Station Weinzödl,
obwohl hier wegen der Düsenwirkung des Murtalwindes im Mittel relativ hohe
Geschwindigkeiten verzeichnet werden. Der ganztägig anhaltende
Murtalauswind schiebt sich über die bodennahe Kaltluft und ist an der
Bergstation Fürstenstand mit mittleren Windgeschwindigkeiten bis 4 m/s gut
erkennbar. Das synoptische Windfeld (Gipfelstation Schöckl) aus dem
Warmsektor sorgt für Inversionsstärken bis 17 K.
Temperatur und Inversion
Nur bei entsprechend tiefen Temperaturen am Boden treten
Industrieschneefälle auf (mindestens -4°C). Die fast immer freien
Inversionen erreichen Mächtigkeiten bis 800 m und Stärken bis 20 K!
Im Zuge von Fesselballonsondierungen im
Stadtgebiet über 4 Tage zeichnet sich der Beginn eines
Niederschlagsereignisses während der letzten Nacht ab. Starker Druckfall
nördlich des Steirischen Randgebirges bewirkt ein Vordringen der
bodennahen Kaltluft.
Hochnebel
Industrieschneefälle fallen aus einer gering mächtigen
"Hochnebelschicht", deren Obergrenze anfangs ca. 150m über Grund liegt
und bei zunehmender Luftmassenalterung langsam ansteigt. Auch eine
Auflösung der "Hochnebelschicht" mit Neubildung am nächsten Tag ist
möglich. Mit der eindringenden Kaltluft am
letzten Tag der Messkampagne beschränkt sich die Taupunktunterschreitung
nicht mehr auf die Nacht und auf bodennahe Bereiche. Es bildet sich
seichter Hochnebel mit einer Obergrenze von ca.700 m Sh, der sich ganztags
nicht auflöst. Innerhalb der gering mächtigen Mischungsschicht kommt es im
Nahbereich größerer Emittenten zu Wasserdampfübersättigungen und in
Verbindung mit einem Überangebot an Aerosolen zur Niederschlagsbildung
durch Sublimation.
Abschließend sei noch bemerkt, daß der untersuchte Zeitraum zu kurz
ist, um statistisch abgesicherte Aussagen treffen zu können. Dies liegt
wohl auch am seltenen Auftreten dieses Phänomens. Im Zusammenhang mit
dieser Problematik sind noch viele Fragen ungeklärt, so etwa die Auslösung
der Schneefälle mit der (anthropogen bedingten) Verschiebung des
Gefrierkernspektrums zu höheren Temperaturen hin. Hier wären wohl
Fesselballonsondierungen von Vorteil. Weiters würden Traceruntersuchungen
zu neuen Kenntnissen über die Verteilungsmuster des gefallenen Schnees
führen. Letzendlich würde die flächen- und zeitbezogene Sammlung und die
anschließende chemische Analyse des gefallenen Niederschlages an
unterschiedlichen Punkten den relativen Spurenstoffgehalt im Vergleich zu
anderen Niederschlagswässern besser darstellen.
LiteraturHarlfinger, O., Jaenecke, M. 1978: Schneefall durch
Industrieemissionen. Umwelt 6,S.445-446. Lazar, R., Buchroithner, M.F.,
Kaufmann, V. 1994: Stadtklimaanalyse Graz..Magistrat Graz,
Stadtplanungsamt; 163S. Mascher, F., Harlfinger, O., Fischer, G. 1990:
Anthropogen bedingte Schneefälle in Ballungsräumen. Staub-Reinhaltung der
Luft 50, S.383-385 Scherhag, R. 1969: Stadtschnee. Beilage zur Berliner
Wetterkarte vom 7.1.1969.
Weitere Abbildungen zum Industrieschneefallereignis im Jänner
1999
H. Pilger A. Podesser
Letzte Änderung Montag, 31. Jänner 2000 Copyright © 2000,
ZAMG
|